2020
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Körperorientierte Interventionen und psycho-physische Atemübungen in der psychotherapeutischen Praxis


THEMA der FORTBILDUNG

Die Fortbildung "Körperorientiert Interventionen und psycho-physische Atemübungen in der psychotherapeutischen Praxis" wendet sich primär an Psychotherapeut*Innen, klinische Psycholog*Innen und Ärzt*Innen. Sie zielt darauf ab, unterschiedliche körperorientierte Interventionen, die psychotherapeutische Prozesse unterstützen können, zu vermitteln.

Dabei handelt es sich um Übungen zur Spannungsregulation, Haltungs- und Bewegungsaufbau, Atem- und Stimmübungen und Anregungen zur Selbst- bzw Eigenberührung. Diese können in der therapeutischen Sitzung vermittelt werden; sie eignen sich aber auch dazu, dass der Patient/die Patientin sie eigenständig anwendet - beispielsweise um situativ einen Asthmaanfall abzuwenden, um Stress abzubauen, um eine aufkommende Panikattacke abzufangen, um mit Schmerzen besser umzugehen oder um einen erholsamen Schlaf zu finden.

Alle Übungen/Interventionen können andere psychotherapeutische Maßnahmen sinnvoll ergänzen. Sie werden von den TeilnehmerInnen der Weiterbildung selbst erprobt und sind somit auch für die eigene Stressprävention und Psychohygiene verfügbar. Fragen zur Indikation oder Kontraindikation sowie zu den Möglichkeiten und Grenzen dieser körpertherapeutischen Arbeit, werden im kollegialen Gespräch ausgetauscht.

INHALTE und ZIELE

I  Förderung der Innenwahrnehmung (Interozeption)

• Körperlich-seelische Spannungszustände und –veränderungen spüren und beeinflussen können; krankmachende Überspannung durch Stress, Angst, Schmerz sowie krankmachende Unterspannung infolge zeitextendierter Trauer, Mutlosigkeit und Depression sowie andere tonische Fehlregulationen bearbeiten;
• Förderung der Aufrichtung/Haltung/Beweglichkeit: dysfunktionale habitualisierte Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten wahrnehmen und in freiere, ökonomisch sinnvolle umwandeln, dabei die innere Aufrichtedynamik und die Kraft der „richtigen“ Atmung nutzen; Erleben und Verstehen der Einheit von Sensorik und Motorik;
• mit der eigenen Atmung vertraut werden: die Atembewegung und die daran beteiligte Atemmuskulatur (Zwerchfell und Zwischenrippenmuskulatur) kennenlernen; Hochatmung und andere Atemfehlformen abbauen; den Zusammenhang von Ereignissen/Handlungen sowie Körper, Atem und Emotionen erleben und verstehen; die „natürliche“ Atmung mit ihrem individuellen Tempo, Rhythmus und Maß als Orientierung für die Gestaltung des Berufs- und Alltagsleben nutzen lernen (bei Hektik, Stress, Multitasking, Überforderung, Schlafstörungen, Burnout oder andere schwerwiegende somatische, psychische oder psychosomatische Erkrankungen durchatmen und befreiend aufatmen können); zu einer gesunden Balance finden zwischen Arbeit/Anstrengung und Freizeit/Erholung finden;
• bewusste Atemführung („Lippenbremse“) und verlängerte Ausatmung als „Notfallhilfe“ bei einigen Formen von Atemnot (Asthma; COPD) oder bei Angst und Panikzuständen verfügbar machen; diese spezielle Atemhilfe kennerlernen und zielführend im Bedarfsfall einsetzen können; sich selbst mit Hilfe der verlängerten Ausatmung in einen parasympathikotonen Zustand bringen können, um Sicherheit, Ruhe, Schlaf oder Erholung zu finden.

II   Förderung der Außenwahrnehmung (Exterozeption)

Viele Patienten wurden in ihrer sinnlichen Entfaltung nicht gefördert oder mussten im Laufe Ihres Lebens einen oder mehrere Sinne „verschließen“, um überleben zu können. Die Förderung aller Sinnesmodalitäten ist tendenziell ein Weg in Richtung auf Gesundheit, Lebendigkeit und Wohlbefinden. Zugleich ist das behutsame Öffnen der Sinne ein berührender und belebender Prozess, der gesunden lässt und oftmals von tiefem „Wiedervereinigungsschmerz“ begleitet ist.
Es geht um:
• Nase – Riechen und Atmen: Die Nase in ihrer wichtigen Funktion erkennen; Nasenatmung als gesunde „Normalatmung“; Hygiene-Aspekte; Erspüren der Atemwege, des Zwerchfells und der Lunge;
• Ohren – Hören und Gleichgewicht: Die Ohren in Ihrer Doppelfunktion und in ihrer besonderen, im Raum Orientierung gebenden Wirkung erleben und verstehen; Hören als Zuhören/Weghören, als Lausch auf die Menschen, auf die Zwischentöne, auf die Welt…
• Augen: Bedeutung des Sehsinns und des Blicks; gelingende oder misslingende frühe Blickdialoge; persönliches Blickverhalten; Mimik als passive und aktive mimische Kompetenz; Zusammenhänge von Mimik und emotionaler Umstimmung (Embodyment-Forschung; muscle ton mind/mind to muscle-Techniken; Aspekte der Psychoneuroimmunologie)
• Tastsinn (siehe IV)

III  Förderung der Stimme als Ausdrucksmittel der Persönlichkeit und des Befindens

Die Fähigkeit, sich mit Worten sprachlich, prosodisch oder singend mitzuteilen, kennzeichnet den Menschen. Viele Patienten scheuen sich davor (Angst), hörbar zu werden und sich mit ihrer Stimme auszudrücken oder gar abzugrenzen. Zudem wird im Verlauf des Spracherwerbs die Stimme, das Sprechen und Singen oftmals negativ besetzt (Scham). Der Wiederaneignung des stimmlich-sprachlichen Stimmvermögens ist im Kontext von Psychotherapie wichtig und gut möglich, wenn die Therapeutin/der Therapeut in diesem Bereich ausreichend Selbsterfahrung, ein geeignetes Übungsrepertoire und Explorationsmöglichkeiten anbieten kann. Es geht darum:
• die Stimme in den Körper zu bringen“ (Einheit von Körper-Atem-Stimme);
• den Zusammenhang von Emotionen-Atem-Stimme zu erleben und zu verstehen;
• die Stimme experimentell und (wieder) möglichst lustvoll zu explorieren;
• verschiedenen Emotionen (Schmerz, Trauer, Wut, Freude…) einen Ton/Stimmklang zu geben.

IV Förderung von freundlicher Selbstzuwendung, Selbstwirksamkeit, Eigenverant-wortung und Identitätsförderung (Propriozeption; Meta-Zielebene)

Die Differenzierung der Wahrnehmung und die Verfeinerung der Sinne (Inter- und Exterozeption), die gelingende Aufrichtung, eine freie und flexible Atmung sowie eine modulationsfähige, expressive Stimme sind Ressourcen und stärkende Grundlagen für ein positives Selbsterleben und dafür, sich mit sich selbst und in der Welt sicher und gut verbunden zu fühlen. Ein weiterer wichtiger Inhalt dieser Fortbildung ist auch das Thema Tastsinn/Tasten/Berührung. Dieser Inhalt wird jedoch nicht in der Form von Berührung oder Behandlung thematisiert und erprobt, sondern als Eigenberührung!
Eigenberührung belebt die Propriozeption in einzigartiger Weise. Als achtsame und freundliche Selbstzuwendung bietet sie Patienten*Innen die Möglichkeit, „beschädigte Leiblichkeit“ zu heilen und sich selbst wieder ganz in Besitz zu nehmen. Oliver Sacks hat auf die immense Bedeutung der Propriozeption für ein starkes Identitätserleben hingewiesen. Eigenberührung ist sinnenhafte, doppelgesichtige Selbstbegegnung, die eine sehr starke, identitäts- und gesundheitsfördernde Selbstannahme bewirken kann. Bei diesem für die Psychotherapie sehr nützlichen Ansatz geht es vor allem darum:

• sich des eigenen Körpers und der gewordenen Leiblichkeit bewusst zu werden, sowohl in erfahrbaren Empfindungen wie im Wissen über den Körper und seine Geschichte sowie den damit einhergehende psycho-physischen Vorgängen und Emotionen;
• Selbstakzeptanz/Selbstannahme – auch mit Erkrankungen/Behinderungen;
• Korrektur von Störungen im Körperbild/Körperschema, wo dies erforderlich/möglich ist;
• füllen „weißer Landkarten“ in der Körperwahrnehmung durch erwachende Empfindungen;
• achtsame Annäherung an tabuisierte oder schambesetzte Zonen;
• Differenzierung von mitmenschlich-freundschaftlicher, professioneller aber auch übergriffiger Berührung;
• Genderspezifische Berührungsaspekte;
• Umgang mit Berührungsdefiziten insbesondere bei kranken, einsamen und alten Menschen;
• Möglichkeiten und Gefahren/Grenzen von Berührung im Kontext der Psychotherapie.

ORGANISATORISCHES

Teilnehmer*Innen:
Personen, die in psychotherapeutischen Arbeitsbereichen tätig sind, insbesondere PsychotherapeutInnen (auch i.A.u.S.), klinische PsychologInnen und ÄrtzInnen, Pflegepersonal und Therapeuten anderer anerkannter Methoden (z.B. Ergo-, Physio- oder Musiktherapie)

Um Anerkennung durch den ÖBVP wurde angesucht.

Termine: 25./26.1. / 21./22.2. / 18./19.4. / 11.-14.6.2020  (Zeiten: Samstags ab 10.00 Uhr; Ende Sonntags um 12.30; am 11.6. Begin um 16.00 Uhr) Umfang: 60 AE (á 45 Minuten)

Ort: Wien,  Hohe Warte 46

Kosten: 1.240,- Euro

Leitung:
Peter Cubasch, MSc; Psychotherapeut, Atemlehrer, Musik- und Sportpädagoge; IMAGO-Paartherapeut; Univ. Lehrbeauftragter für Integrative Therapie und Supervision (DUK Krems) sowie für Musiktherapie (UDK Berlin), Körpertherapeutische Interventionen (A. Salomon Hochschule, Berlin); Buch- Autor; Psychotherapeutische Praxis in Wien

Anmeldung unter Atem-Kurse oder peter@cubasch.com